Heilung individueller und kollektiver Traumata über die eigene Stimme

Von lebensverneinenden zu lebensbejahenden Mustern

Erschienen in der Clio Nr. 86/17 vom Feministischen Frauengesundheitszentrum e.V. Berlin

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Einführungskurs beim Lichtenberger Institut für angewandte Stimmphysiologie. In diesem Einführungsseminar mussten wir alle einzeln „vorsingen“. Die Gründerin des Instituts, Gisela Rohmert, hatte einen schweren Brocken vor sich, nämlich mich. Ich bekam kaum einen Ton heraus. Mein Hals war wie zugeschnürt und ich hörte mich selbst sehr laut, dabei fragten sich alle anderen, ob ich überhaupt singe. Ich ächzte und krächzte, und es kostete mich große Überwindung, einen Ton hinauszulassen. Frau Rohmert war sichtlich bemüht, mir unbedingt ein Erfolgserlebnis verschaffen zu wollen. Eine Frage, die sie mir stellte, werde ich nie vergessen. Sie fragte mich, ob ich mir überhaupt vorstellen könne, dass man mit dem Singen hartnäckige und tiefsitzende Muster verändern könne? Ich zögerte und dachte, Singen? Das kann doch gar nicht sein, dass es so tiefsitzende Muster verändert, und gleichzeitig bekam ich Hoffnung, denn ich hatte auf dem Weg meiner Heilungssuche schon so vieles ausprobiert. Doch Frau Rohmert sagte mit einem klaren Blick, dass tiefgreifende Veränderungen meiner Muster möglich sind. Sie sprach dies mit einer solchen Überzeugung, dass ich ihr Wissen und ihre Erfahrungen nicht anzweifeln konnte.
Blockaden – Traumata, die schon über Generationen wirken
Als systemische Familien- und Traumatherapeutin arbeitete ich in eigener Praxis und beschäftigte mich intensiv mit der transgenerationalen Weitergabe von Traumata. Das war zu einer Zeit, in der es noch keine Literatur beispielsweise von Sabine Bode gab. Ich fragte mich, was mit all den traumatisierten Soldaten passierte, die den 1. und 2. Weltkrieg überlebt hatten, unsere Väter, Großväter,… Es gab tatsächlich keine Forschungen oder Literatur darüber. Jahre später wurden die Bücher von Sabine Bode veröffentlicht und auch Prof. Dr.Franz Ruppert fand mein Interesse, denn er hatte einem speziellen Trauma einen Namen gegeben, dem „Symbiosetrauma“. Er nannte es auch das Trauma der Liebe.
Das Symbiosetrauma
Was versteht man unter dem Symbiosetrauma? Grundsätzlich sind Mutter und Kind immer symbiotisch miteinander verbunden. Wenn jedoch die gesunden symbiotischen Bedürfnisse in der frühen Kindheit nicht befriedigt werden, kommt es zu einem Symbiosetrauma und zu seelischen Verstrickungen des Kindes. Die Mutter selbst ist traumatisiert und daher von sich selbst abgeschnitten und nicht in der Lage, eine emotionale Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Zwischen Mutter und Kind gibt es einen Klang, ein Lied, welches immer wieder über eine Pendelbewegung gespielt wird. Das Kind sendet aus, die Mutter empfängt und erwidert den Klang des Kindes, gleichbedeutend mit Beziehung. So gibt es hier eine Wechselbeziehung, wenn die Mutter gesund und vital ist. Eine traumatisierte Mutter kann den Klang ihres Kindes nicht empfangen und damit nicht in Resonanz gehen und diesen auch nicht erwidern. So sendet das Kind immer wieder aus und empfängt nichts. Mit seinen Handlungen läuft es immer wieder ins Leere. Da das Kind symbiotisch verbunden und abhängig von der Mutter ist, braucht es die Resonanz der Mutter für die eigene Entwicklung. Wenn dies nicht geschieht,
bedeutet dies für das Kind schon sehr früh Stress, chronischen Stress und es beginnt zu überleben, denn die Resonanz der Mutter ist überlebenswichtig. Das Kind fühlt sich in seiner Existenz bedroht. Um zu überleben, sucht es den ständigen Kontakt im Außen und verliert den Kontakt zu sich selbst. Es
erfährt keine sichere Bindung und Geborgenheit und kann kein Urvertrauen entwickeln. Dieses Trauma wird über Generationen weitergegeben und ist z.B. in Deutschland bedingt durch die beiden Weltkriege über mehrere Generationen unbewusst weitergereicht worden – bis heute. Daher spricht
Prof. Ruppert von einer traumatisierten Gesellschaft, weil wir aufgrund unserer Geschichte so gut wie alle traumatisiert sind – mit unterschiedlichen Intensitäten und Auswirkungen. Alice Miller beschreibt in ihrem Buch „Das Drama des begabten Kindes“ letztendlich genau diesen Schmerz des Kindes,
wenn es sich selbst überlassen wird und keine sichere Bindung erfährt. Mit dem Buch ihres Sohnes Martin Miller „ Das wahre Drama des begabten Kindes“ wird deutlich, dass sie ihre erfahrenen Traumata an ihren Sohn weitergegeben hatte, also selbst genau das tat, wovor sie viele Eltern warnte.
Ich teile die Ansicht von Prof. Ruppert und vielen anderen Kollegen, dass wir in einer traumatisierten Gesellschaft, ja sogar einer traumatisierten Welt leben, denn Kriege gibt es seit vielen Tausenden von Jahren. Es ist schon so normal geworden, dass wir es kaum noch merken, wie dysfunktional wir
leben in einer dysfunktionalen Welt.
Woran erkenne ich, dass ich traumatisiert bin?
Die Nicht-Beziehung zu einer traumatisierten Mutter ist gekennzeichnet von einer emotionalen Distanz, dem Gefühl, die Mutter nicht erreichen zu können. Oftmals auch von mangelnder Empathiefähigkeit der Mutter, die mehr damit beschäftigt ist, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und
dieses manchmal über das Kind versucht. Bei einem Symbiosetrauma haben Betroffene häufig die Schwierigkeit, Nähe zuzulassen, auch wenn sie sich danach sehnen. Eine Abgrenzung ist kaum möglich. Die Verschmelzung in Form von Abhängigkeiten zu anderen Menschen wird dort wiederholt und auch ersehnt. Häufig werden süchtige Beziehungen geführt, die ein autonomes Leben unmöglich machen. Es ist eine ewige Suche nach Identität, da das Kind auf die eigene Entwicklung verzichten und sich extrem an die Bedürfnisse der Mutter anpassen musste, wissen diese Kinder später als Erwachsene kaum, wer sie sind und welche Bedürfnisse sie haben. Sie waren häufig damit beschäftigt, die Mutter (in Teilen auch den abwesenden Vater) emotional zu versorgen, dass sie den Blick auf sich selbst verloren haben. Häufig fühlen sich diese Menschen abgeschnitten von anderen Menschen, alleine, und haben keinen Kontakt zu sich selbst.
 
Symbiosetrauma und chronische Erkrankungen
In meiner eigenen Geschichte und der vieler chronisch kranker Menschen, die mich aufsuchen, konnte ich immer ein starkes Symbiosetrauma feststellen. Häufig sind es auch komplex traumatisierte Familiensysteme, also auch chronisch traumatisierte Familiensysteme, aus denen sie stammen. Diese Menschen haben nicht gelernt, gut für sich selbst zu sorgen, Nein zu sagen und sich gut abzugrenzen. In den meisten Fällen wissen sie noch nicht einmal, was das überhaupt bedeutet bzw. wie sie dies bewerkstelligen können. Sie haben es ja nie gelernt.
Die Geschichte der Frauen und die Mutterwunde
In meiner Beschäftigung mit Autoimmunerkrankungen, Krebs und Schilddrüsendysfunktionen zeigten bisher alle betroffenen Frauen ohne Ausnahme eine schwierige Mutterbindung. Eine totale Überforderung als Kind und eine frühe Verantwortungsübernahme. Meistens wurden sie zur Mutter der eigenen Mutter. Keinen eigenen Raum bekommen zu haben, drückt sich auch in der Unterdrückung des Weiblichen aus, die vor vielen Tausenden von Jahren mit dem Patriarchat begann. Die Abwertung des Weiblichen stellt gleichzeitig die Abwertung des Lebens dar. Das Weibliche in Gestalt von gebärenden Frauen schenkt Leben. Die Gewalt an Frauen bezeugt gleichzeitig eine grundsätzliche Missachtung und Geringschätzung gegenüber dem Leben und allem Lebendigen. Es sind exakt diese lebensverneinenden Muster, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Sie wirken bis in unsere Tage, in denen die Kriegsenkel_innen die Ängste und Traumata der Kriegskinder durchleben – die ihrer Mütter und Großmütter, die diese in den Kriegen erlitten, jedoch nie bewältigt haben. Diesen uralten Schmerz des Weiblichen nenne ich Mutterwunde, die von Generation zu Generation über Mutter und Tochter weitergegeben wird. In den USA ist die Mutterwunde bereits ein bekannter Begriff. Bethany Webster arbeitet damit und bietet Seminare für Frauen an. Um allerdings Räume für das Weibliche zu schaffen, braucht es die Fähigkeit, Nein zu sagen, sich abzugrenzen, und dies
wiederum sind Qualitäten, die das Männliche kennzeichnen. Mir ist mir immer wieder aufgefallen, dass viele Menschen mit Krebs oder Autoimmunerkrankungen hochsensibel sind und die ungelösten Traumata ihrer Familie förmlich aufsaugen und sich damit identifizieren.
Die Chancen von Trauma
Die Mutterwunde ist zwar schmerzvoll, sie bietet jedoch zugleich große Chancen für Entwicklung, Veränderung und Wachstum eines jeden betroffenen Menschen. Die Menschen mit Symbiosetrauma lernen früh, immer wieder neu anzufangen, und beweisen damit ein Durchhaltevermögen. Eine
chronische Erkrankung fordert immer und immer wieder ein tieferes Eintauchen in den Prozess. Nur in dieser geistig-seelischen-körperlichen Tiefe können diese Menschen sämtliche Facetten des Lebens erfahren, spüren, begreifen und transformieren. Für die Kriegsenkelgeneration sehe ich die große Chance, eine eigene Identität zu bilden und nicht mehr den totalen Gehorsam nachzuahmen, der ein eigenes autonomes Leben und damit ihre Wünsche und Träume verhindert. Dieser Traumaheilungsprozess fördert die Resilienz und lässt sie stark werden. Wenn es gelingt, eine eigene bzw. überhaupt eine
Identität zu entwickeln, wieder in Kontakt zu sich selbst zu kommen, sich treu zu sein und auf sein Herz zu hören, dann sind dies die besten Voraussetzungen für eine friedlichere Welt, und die Genesung des einzelnen ist zugleich ein Stückweit die Genesung des Ganzen.
Lied zwischen Mutter und Kind und der Stoffwechsel
Zurückkommend auf den Anfang, kann ich die Aussage von Frau Rohmert bestätigen. Ja, mit dem Tönen oder Singen ist es tatsächlich möglich, tiefsitzende und hartnäckige Muster zu verändern. Die Wirkung des Singens hatte ich selbst total verkannt und ich schenkte ihr bis zu diesem Tag im Odenwald keinerlei Beachtung. Allerdings habe ich erfahren, dass diese Wirkung nur dann so wirkmächtig sein kann, wenn ich begreife, dass der
Klang bereits da ist. Dazu gehört unbedingt das Wissen, dass der Kehlkopf und seine umliegenden Organe eine Sogwirkung haben. Das habe ich während meiner Seminarbesuche beim Lichtenberger Institut für angewandte Stimmphysiologie erfahren dürfen. Dies bedeutet, dass der Kehlkopf nicht Klang produziert und nach Außen gibt, sondern dass dieser bereits da ist und von diesem empfangen wird. Im Kehlkopf treffen sich Weiblich und Männlich über das Empfangen des Klanges und das Hinausgebens des Tones. Es ist das Geben und Nehmen, eben diese Pendelbewegung, wie auch zwischen Mutter und Kind. Der Kehlkopf ist mit allen Geweben und dem Nervensystem verbunden und kann das Körpergewebe auf Empfang umstellen. Er kann dem Nervensystem zeigen, dass die Not vorbei ist. Durch die Vibrationen im Gewebe erwacht dieses regelrecht und aufgestaute Traumaenergie kann abfließen. Dies geschieht manchmal durch Schütteln und Zittern. Dazu braucht es keine Traumakonfrontation und kein Wissen über das, was geschehen ist. Es ist eine sehr behutsame Art, bis in tiefste Schichten vorzudringen, denn gespeicherte Traumata sind wie Traumafelder im Körpergewebe tief verankert. Die Rückkoppelung zwischen Kehlkopf und Körpergewebe führt dazu, dass durch die hochschwingenden Obertöne eingebrannte Muster verändert werden, auch auf neuronaler Ebene. Die Impulse über die Stimme führen dazu, dass nach einer Sitzung oder einem Seminar diese Prozesse weitergehen und das System sich selbst in seine natürliche Ordnung zurückbringt. Die Veränderungen sind sofort spürbar und sehr einfach.
Wir alle können damit beginnen zu Tönen, in dem Bewusstsein, dass der Klang bereits da ist und der Ton eingesaugt wird.
Der Kehlkopf ist mit der Gebärmutter, mit dem Schoßraum verbunden. Alles was im Hals geschieht, passiert auch im Schoßraum und umgekehrt. Eine schöne Übung ist, die Hände auf den unteren Bauch zu legen und sich vorzustellen, dass der Klang über die Hände in den Schoßraum gelangt. Beob-
achten Sie, was passiert und wohin der Klang Sie führt. Es ist immer eine Reise, die der Klang mit uns macht.
Stimm-Balance ist eine Prozessarbeit, die bisher mit Einzelnen durchgeführt wird. Jedoch beginne ich damit, diese auf Gemeinschaften und Kollektive zu übertragen. Meine Erfahrungen zeigen, dass damit auch generationsübergreifende und kollektive Traumata integriert werden können.
Iris Hammermeister
ist Sängerin, Stimmbilderin, Familien- und Traumatherapeutin. Sie hat die Stimm-Balance Prozessarbeit entwickelt, die sie in Einzelsitzungen und Seminaren anbietet. Derzeit schreibt sie ein Buch über die Heilung der Mutterwunde mit der eigenen Stimme. Es erscheint 2018 im Neue Erde Verlag.
Weitere Informationen: www.stimm-balance.de
Literatur
Sabine Bode: Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation, Klett-Cotta Verlag, 2013, 22. Auflage
Prof. Dr. Ruppert: https://www.rubikon.news/artikel/traumatisierte-gesellschaft (es handelt sich hier um ein Interview bei „Rubikon – Magazin für die
kritische Masse“ mit dem Titel: Traumatisierte Gesellschaft vom 1.9.2017)

© Text Copyright Iris Hammermeister