Die Verbindung zwischen Kehlkopf und unterem Beckenboden
Ein ungeahntes Potential, insbesondere für chronisch kranke Menschen

Von Iris Hammermeister

Mein Forschungsgebiet liegt in der Verbindung zwischen Kehlkopf und unterem Beckenboden. Seit Jahren lehre ich über diese Verbindung und kann heute sagen, dass sie für mich das größte Potential für Wandlung darstellt. In dieser Verbindung spiegeln sich die Themen Bindung und Beziehung, die ein großes Wandlungspotential bereit hält.

Parallelen zwischen dem Stimmapparat und dem weiblichen Geschlechtsorgan

Es gibt eine frappierende Ähnlichkeit zwischen dem Stimmapparat und dem weiblichen Geschlechtsorgan. Beim Stimmapparat gehören die Ohren bzw. das Innenohr dazu. Das Hören hat eine wichtige Bedeutung, wenn es um die Wandlung von alten Mustern geht. Letztendlich wandelt der Klang durch ein anderes Hören um. Wir hören nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit anderen Sinnesorganen, beispielsweise nimmt unsere Haut als größtes Sinnesorgan den Klang auf. Der Kehlkopf könnte als 6. Sinnesorgan betrachtet werden.

 

Oben wie Unten – Parallelorgane

Meine Erfahrung ist, dass alle Veränderungen, die im Stimmapparat geschehen, auch parallel im unteren Beckenboden passieren oder umgekehrt. So kann man von parallelen Organen sprechen, wie beispielsweise Mund und Muttermund, Mundraum und Gebärmutter, Innenohr und Eierstock, Stimmlippen und Schamlippen, Kehlkopf und Vagina,…

Es ist kein Zufall, dass es diese Verbindung zwischen dem Kehlkopf und dem unteren Beckenboden gibt. Diese Verbindung besteht auch bei Männern in einer anderen Art.

Das bedeutet, dass die Stimme mit unserem Ursprung, mit unserem göttlichen Funken, mit unserer Lebensenergie, mit unserem Schöpfungsraum verbunden ist. Es ist auch kein Zufall, dass das weibliche Geschlechtsorgan so viele Parallelen zum Stimmapparat aufweist und das kollektive verletzte Weibliche im Schoßraum der Frauen verborgen liegt. Ich habe mich viel mit der Mutterwunde auseinandergesetzt und bin zum Ergebnis gekommen, dass das Singen Mütterlich ist, was uns wieder mit dem Gottesweiblichen verbindet, denn der Klang ist weiblich und der Ursprung des Universums.

Diese Verbindung spielt nicht nur eine große Rolle für den Fachbereich der Pränatalpsychologie, sondern auch für die Rückverbindung zur Essenz, die auch für Musiker und Künstler eine wichtige Grundlage des eigenen Schaffens ist. Ein Baby liegt im Bauch der Mutter genau in dieser Verbindung. Die Verbindung zeigt sich physiologisch über die Wirbelsäule und energetisch über ein Band, welches beides miteinander verbindet. Das Knochengewebe ist ein sehr schwingungsreiches Gewebe. Oben am Anfang der Wirbelsäule beginnt sie und unten im Schoßraum endet sie. Symbolisch stellt sie Anfang und Ende dar, Geburt und Tod. Die Wirbelsäule ist die Basis unseres Lebens. Das Knochengewebe ist das tiefste Gewebe, auf dem wir unser Leben aufgebaut haben. Oft geht es im Leben auch darum Rückrat zu haben und sich nicht brechen zu lassen, also wie stabil sind wir und stehen wir für uns selbst ein?

Getrenntsein ist eine Illusion – Wir waren immer verbunden

Wenn wir nun eine schwierige Mutterbindung erfahren haben, die letztendlich aufgrund der patriarchalen Kultur normal ist, geht es hier ja immer um das Gefühl der mangelnden Verbindung oder dem Gefühl des Getrenntseins. Das Singen bzw. die Stimme kann jedoch daran erinnern, dass wir in einer Verbindung waren und Trennung eine Illusion ist. Egal wie schwer eine Mutter traumatisiert war, das Kind ist im Bauch der Mutter immer mit ihr verbunden, sonst wäre es nicht lebensfähig, denn die Mutter versorgt das Kind auch über die Nabelschnur.

Der Körper formt das Gehirn am Anfang des Lebens

In dieser Zeit und in den ersten Lebensjahren formt der Körper das Gehirn. Erst später werden Synapsen im Gehirn gebildet, die davon abhängig sind, welche Erfahrungen das Kind in seinem Beziehungsgefüge gemacht hat. Das Gehirn schafft Netzwerke und Verschaltungen anhand der gemachten Erfahrungen (Bindung & Beziehung). Wenn diese überwiegend negativ waren, wovon bei einer traumatisierten Gesellschaft und der transgenerationalen Weitergabe von Traumata auszugehen ist, wird das Schmerzzentrum im Gehirn gebildet. Dieses ist vor allen Dingen im Ruhezustand aktiv und bei chronisch kranken Menschen besonders stark. Das bedeutet, dass negative Gedanken ständig im Kopf kreisen, die wiederum negative Gefühle wie Angst und Schmerz zur Folge haben. Das Gehirn sendet in den Körper bestimmte Botenstoffe, die süchtig machen, also das Suchtzentrum im Gehirn ansprechen. Der Körper schreit förmlich nach diesen Botenstoffen, wenn er diese nicht bekommt, so dass das negative Denken und Fühlen auch zu einem Zwang geworden ist, den man nicht so einfach abstellen kann. Diese Denkstruktur sichert das Überleben, so dass sich das Gehirn in einem anhaltenden Überlebensmodus befindet. Diese Synapsen bzw. Negativ-Verschaltungen verhindern jedoch die Aktivierung der Selbstheilungskräfte. Sie verdecken den ursprünglichen Zustand der Verbindung und Erschweren ein Herankommen an die frühe pränatale Phase, in der diese Synapsen noch nicht vorhanden waren. Manchmal verhindern diese Negativ-Verschaltungen auch das Empfinden von Schmerz, gerade bei chronisch kranken Menschen. Die Folge ist das Nicht-Wahrnehmen, dass etwas nicht in Ordnung oder aus dem Gleichgewicht geraten ist. Bei einer chronischen Erkrankung findet keine Selbstorganisation der Selbstheilungskräfte mehr statt, der Körper ist überfordert.

Positive Erfahrungen bilden neue Synapsen

„Die im Lauf unseres bisherigen gemachten Erfahrungen im Leben von Unverbundenheit, von Unvereinbarkeit, Unverständnis und Hilflosigkeit müssen durch solche Erfahrungen überlagert werden, die an ursprünglich, zumindest, während der frühen Kindheit  vorgeburtlich oder postnatal gemachte Erfahrungen von Kohärenz, von Verbundenheit und von eigener Gestaltungsfähigkeit anknüpfen.“  * Siehe Quellenangabe

Das bedeutet, dass die Verbindung zwischen Kehlkopf und unterem Beckenboden über die eigene Stimme ermöglicht, an die Verbindung zur Mutter in der vorgeburtlichen Zeit zu erinnern und ein ungeheures Potential darstellt. Somit auch für chronisch kranke Menschen die Möglichkeit besteht, ihre Selbstheilungskräfte wieder zu aktivieren und an die gemachte Erfahrung von Verbundenheit dieser vorgeburtliche Zeit anknüpfen können. Wir verbinden uns mit dem älteren Teil des Gehirns zurück und können damit die später entstandenen Verschaltungen durch negative Erfahrungen in den Beziehungen umgehen.

Um den Teufelskreis der Negativ-Verschaltungen zu unterbrechen müssen neue Synapsen und Verschaltungsmuster im Gehirn gebildet werden. Dazu braucht es positive Erfahrungen, die den Körper miteinbinden, auch das Zusammenspiel zwischen Körper, Psyche und Denken. Es muss das was bereits gut funktioniert weiter ausgebaut werden. Dazu gehört auch, dass die Person einen Raum bekommt und gesehen wird, die Erfahrung macht etwas Besonderes zu sein, also ein Individuum, ein Subjekt. Positives Denken, Affirmationen, Glaubenssätze umprogrammieren, kognitive Angebote – dazu gehören auch therapeutische Angebote – können keine nachhaltige Veränderung bewirken.

Schaffung (Erinnern) von Räumen und Zwischenräumen für lebendige Prozesse

Die Stimm-Balance Prozessarbeit beinhaltet alle wichtigen Aspekte der neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Neurobiologie. Über die differenziert geführte Stimulation werden Beziehungen (Zwischenräume) zum Klang-, Körper-, und Nervensystem aufgebaut. Es geht hier immer um die Schaffung von Zwischen-Räumen, in der sich die Selbstorganisation der Singstimme und des Körpers entfalten kann. Zwischen-Räume schaffen bedeutet nichts anderes als Beziehungen zu ermöglichen (weibliches Prinzip!), in denen lebendige Prozesse geschehen können. Der Organismus bzw. die Selbstheilungskräfte reorganisieren sich selbst. Der Fokus liegt auf das was bereits da ist (Tonumfang, Klangvolumen, sensorische Wachheit,…) und gut funktioniert und wird weiter ausgebaut. Die Stimm-Balance ist erfahrungsbasiert und ermöglicht so die Bildung neuer Synapsen. Zudem wird beim Singen die rechte Gehirnhälfte (Zuständig für Gefühle, Intuition,…) aktiviert, als auch die linke und rechte Gehirnhälfte miteinander verbunden. Die Stimulation der Sensomotorik befördert die Erinnerung an die Zeit der Verbundenheit in der vorgeburtlichen Zeit. Zudem schüttet das Singen Oxytocin aus, ein Glückshormon, welches auch während der Schwangerschaft, Geburt und beim Sterben ausgeschüttet wird.

Der Beckenboden – unser Zuhause

Im Beckenboden ist unser Zuhause, der Ort der Kreativität. So sehe ich auch für die Kreativitätsentwicklung und im künstlerischen Wirken eine wichtige Aufgabe die Verbindung zum Beckenboden aufzunehmen. Im Schoßraum entsteht Leben, also Schöpfung pur, in der wir immer wieder neu erschaffen und kreieren. Die Verbindung zwischen Kehlkopf und Beckenboden gleicht also dem Schöpfungsprinzip des ständigen Erneuerns und Vergehens. Dort treffen sich Gebären und Sterben und es ist kein Zufall, dass das Oxytocin genau beim Singen, Sterben und Gebären ausgeschüttet wird…

Quellenangabe:*

Titel: Reaktivierung von Selbstheilungskräften aus neurobiologischer Sicht“,
Autor: Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther,
Quelle: symptome.ch – Symptome und Ursachen von Krankheiten – Blog mit Tipps zu Gesundheit

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Lehrmaterial – Improphysis® – Stimm-Balance
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Das Institut für angewandte Improphysis® bietet eine Ausbildung in Stimm-Balance an, die im September 2018 startet. Hierbei geht es auch im die Verbindung zwischen Stimmapparat und Beckenboden, als auch um Bindung und Beziehung.

Eine Fortbildung in Stimm-Balance für Fachfrauen aus der Pränatalpsychologie und Bindungsanalyse ist derzeit in Vorbereitung.

Demnächst finden Sie weitere Artikel zu den Themen:

  •  Stimme, Bindung und Beziehung.
  • Wieso kann die Stimme bzw. der Kehlkopf so wirkungsvoll ausbalancieren?
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  • Welche Bedeutung hat der Psoasmuskel  in der Stimmbildung und in der Traumaarbeit und wie kann die Stimme auf den Psoasmuskel  Einfluss nehmen?