Ein Gastbeitrag in Newslichter

Von Iris Hammermeister. Warum ist das Singen eigentlich so wirksam oder warum wirkt es so gut bei einem Bindungs- oder Symbiosetrauma? Ein Bindungs- und Symbiosetrauma führt dazu, dass wir den Kontakt zu uns selbst und unsere Stimme verlieren. Wir haben keinen Raum für unsere eigene Entwicklung bekommen. Es ist dennoch alles da, was wir brauchen. Wir müssen nur darauf zugreifen können.

Immer mehr entdecke ich, dass das Singen in die pränatale Zeit zurückführt und erinnert. Die Verbindung zwischen Stimmapparat und Schoßraum ist der Schlüssel. Im Bauch der Mutter waren wir verbunden, versorgt, in einem schwebenden leichten Zustand, alles entwickelte sich von alleine. Ein Zustand von Sog, denn nicht zufällig gibt es die Bezeichnung Säugling, nuckeln Baby am Daumen oder saugen an der Brust. Im Bauch der Mutter waren wir mit ihr verbunden. Ich spreche nicht von Beziehung, sondern von der Verbindung, die trotz aller möglichen Widrigkeiten da war.

Singen gibt uns die Stimme zurück

Der Kehlkopf entfaltet sein größtes Potential, wenn er frei schwingen kann. Das Bezeichnende ist, dass er dann in einen Zustand kommt, der dem Zustand im Bauch der Mutter gleicht. Nicht nur das, er ist in seiner Grundfunktion auf Sog eingestellt. Er versorgt, nährt, gibt uns das Gefühl von Geborgenheit und schwebendem Zustand. Das ist genau das, was uns bei einem Bindungs- oder Symbiosetrauma gefehlt hat. Bei einem Bindungstrauma fehlt uns der Schutz, die Geborgenheit, das genährt werden. Genau das kann uns der Kehlkopf geben. Er ist zutiefst mütterlich und führt zu einer Nahrung von Innen, zu einer Berührung. Das ist Selbstfürsorge im höchsten Maße – das ist Selbstermächtigung, das ist Unabhängigkeit und Autonomie, die uns bei einem Bindungstrauma abhanden gekommen ist. Er gibt uns wieder unsere Stimme.

Nicht nur das. Trauma bedeutet auch verlorene Lebendigkeit. Durch die Berührungen von Innen, das Singen über das Aufsaugen des Klanges bringen wir das Gewebe in Vibration, lassen es regelrecht erwachen und wir werden wieder lebendig.

Damit der Kehlkopf frei schwingen kann, braucht er einen Beckenboden, der wieder seiner natürlichen Funktion der Stütze nachkommt. Der Beckenboden braucht einen gedehnten und beweglichen Psoasmuskel, dann entsteht Raum im Beckenbden, dann erden wir uns, bekommen einen festen Stand und eine innere Aufrichtung. Dann erst kann das Zwerchfell loslassen, es muss sich nicht mehr aufplustern und wir können frei atmen.

Der Kehkopf braucht den Beckenboden, den Schoßraum und wenn beide wieder in Verbindung sind, haben wir Zugang zu unserer Kreativität, zu unserem Potential und sind verbunden mit höheren Kräften. Dann sind wir in einem Zustand des Gebärens, des Erschaffens. Schwangere gebären Kinder und Nichtschwangere sich selbst und ihr Licht. In dieser heiligen Verbindung arbeitet die Selbstregulation und alle anderen Netzwerke und Ungleichgewichte im Körper werden ausgeglichen. Alles ist wieder in Beziehung miteinander. So können wir klingen und schwingen und kommen nach Hause.

Zur Person Iris Hammermeister – Institut für angewandte Improphysis®

Wie Singen bei Bindungs- und Symbiosetrauma hilft

Iris Hammermeister

Ich liebe die Musik, insbesondere den Gesang. In den Künsten finden wir die Lebendigkeit wieder. Alles ist Beziehung. Wir haben die Beziehung zur Natur, zu uns selbst, zum Ursprünglichen verloren. Die Stimme ist mit diesem Ursprünglichen verbunden und kann uns daran erinnern, uns zurückführen in einen SEINS-Zustand der Freude, Leichtigkeit und Schönheit. Wenn wir begreifen, dass das Leben selbst ein Kunstwerk ist, ES ständig erschafft und vergeht, dann sind wir Teil dieser Schöpfung und kommen nach Hause.