Von der großen Bedeutung des künstlerischen Ausdrucks
Als wir auf die Welt kamen, waren wir kleine Kunstwerke, Ausdruck pur. Wir hatten noch keine Filter durch die wir unsere Gedanken, Handlungen und Gefühle steuerten. Wir waren pur, ganz natürlich, lebendig, neugierig, wollten die Welt erkunden. Kinder sagen oft ohne „die Hand vor dem Mund zu halten“, was sie denken oder zeigen ihre Gefühle, schreien, lachen, weinen,… Wir sind Ausdruck, wir sind verbunden, leuchten im Licht des göttlichen Funken. Da sind wir noch ohne Geschichte, ohne Erfahrungen. Ganz schnell wird uns gezeigt, was wir sagen, denken und fühlen dürfen, also in unserem Ausdruck gestutzt und ausgebremst. So falten wir uns im Laufe der Jahre zusammen und bilden einen Kokon um uns herum. Wir gehen also wieder zurück in die Fruchtblase und ziehen uns zusammen, bleiben klein, können uns in dieser Enge kaum bewegen. Wir schränken uns in allem ein, passen uns an, funktionieren, vergessen dieses kleine Kunstwerk, dass wir einmal waren. Der Kokon färbt unsere Wahrnehmung und die Sicht auf die Welt und uns selbst, er ist schon so dick, dass wir durch ihn nur noch nebelig sehen können. In uns staut sich alles. Da gibt es manchmal einen Druck von Innen, etwas was hinausdrängt – Das Gaspedal und gleichzeitig ist dieser Kokon da, in dem unsere Geschichte abgelegt wurde, unserer Traumata, unsere Erfahrungen und er ist die Handbremse, der sich gegen das Gaspedal richtet.
Wir werden heisser, haben einen Kloß im Hals, sprechen gepresst, bekommen schlecht Luft, verstummen, können nicht mehr sprechen, fühlen eine innere Spannung und wissen nicht, wie wir das lösen können.
Wenn ich nun mit den Menschen an ihrem künstlerischen Ausdruck arbeite, zeigt sich mir, dass es entscheidend ist, dieses anhand eines Liedes, eines Stückes zu tun, eines Kunstwerkes. Das kann auch eine Improvisation sein. Dieses Lied oder dieses Kunstwerk steht außerhalb unserer Geschichte. Es repräsentiert den Ausdruck des göttlichen Funken, das was wir als kleine Kinder waren (und nie verloren haben). Wir orientieren uns an diesem Kunstwerk und nicht an unserer Geschichte, die von Traumata gekennzeichnet ist. Das Kunstwerk repräsentiert nicht nur den göttlichen Funken, sondern auch die Schönheit, die Freude, die Lebendigkeit,… Zu Beginn der Arbeit am künstlerischen Ausdruck, stehen wir noch in unserer Geschichte drinnen, je mehr wir uns dem Lied, dem Kunstwerk nähern, desto mehr streifen wir unsere Geschichte ab. Schicht für Schicht wird vom Kokon abgeschält.
Es braucht Mut durch diesen Kokon zu gehen, aber am Ende steht das Kunstwerk, das Lied, zu dem Du wieder wirst. Es ist wie eine Geburt, die endlich vollzogen wird und in die Freiheit führt. Am Ende singst Du nicht dieses Lied, sondern Du bist es, Du bist wieder dieses Kunstwerk, der göttliche Funke. Du gehst durch Deine Geschichte, lässt sie zurück und Deine Schönheit, die immer in Dir war, kommt nach Außen und erstrahlt in einem glitzernden Licht.

© Text: Iris Hammermeister
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