Die zwei wichtigsten Phasen in unserem Leben und wie diese unsere Stimme und unser Ohr beeinflussen.

Ein Fachartikel von Iris Hammermeister - 1. Teil

Das Phasenmodell der Bodynamic
Je mehr ich mich mit der Bodynamic beschäftigt habe, desto mehr begreife ich, wie wichtig Sicherheit in unserem Leben ist. Ich wusste zwar, dass unsere ersten Kontakt- und Bindungserfahrungen einen erheblichen Einfluss auf unsere Stimme haben, aber wie all das auf unsere Anatomie wirkt, konnte ich durch die Bodynamic lernen. 

Die ersten Lebensphasen haben einen starken Einfluss auf unsere Muskulatur
Ich habe mich immer sehr viel mit der Anatomie beschäftigt, gerade bei der Stimmbildung. Ich richtete meinen Fokus sehr stark auf die Faszien. Was ich etwas außer Acht gelassen hatte, waren die Muskeln. Bei meinen ersten Estill-Voice Kursen, stellte ich jedoch fest, dass diese eine zentrale Rolle beim Singen und Sprechen spielen. Ich lernte sehr viel über die Anatomie des Singens, doch ich stellte auch fest, dass meine Muskeln, die für das Singen zuständig sind, teilweise zu viel oder teilweise zu wenig machten. Meine viele Arbeit an meiner Stimme, an Körper, Geist und Seele, schienen keinen Einfluss auf meine Muskulatur gehabt zu haben, denn dort spiegelten sich nach wie vor meine Kompensationsmuster. Das hatte mich doch sehr überrascht, gleichzeitig zeigte es mir, wie stark der Einfluss unsere Bindungs- und Beziehungserfahrungen auf unsere Muskulatur wirkt. Genau das hat Lisbeth Marcher in ihrer körperpsychotherapeutischen Methode – Bodynamic – untersucht. Sie hat die Arbeit von Wilhelm Reich fortgeführt und sich insbesondere dem Entwicklungstrauma gewidmet. Dazu hat sie das Leben in 7 Phasen eingeteilt. In diesem Artikel richte ich meinen Blick auf die ersten beiden Lebensphasen, der Existenz- und Bedürfnisphase. Diese beiden Phasen haben eine starke Auswirkung auf unsere Muskulatur, insbesondere was unser Ohr und unsere Stimme anbelangt. Lisbeth Marcher hat 126 Muskeln untersucht, sie in Muskelsystemen zusammengefasst und jeden Muskel bestimmten Phasen zugeordnet, also auch Entwicklungsthemen. Sie stellte fest, dass unsere Muskeln, entweder hypoton oder hyperton reagieren, also entweder zu viel Tonus oder zu wenig Tonus haben.

Auf die Polyvagaltheorie mit ihrer Entsprechung auf die Muskulatur gehe ich im nächsten Teil ein.

Die Existenzphase
Die Existenzphase beginnt im 2. Trimester der Schwangerschaft und dauert bis zum 3. Monat. In dieser Phase geht es um das sichere Sein. Vorausgesetzt wir fühlen uns im Bauch der Mutter sicher und willkommen, dann entsteht in dieser Zeit unser Ur-Vertrauen. Wir fühlen uns mit uns selbst verbunden, haben das ALLEINS Gefühl, erleben unseren Körper als Zuhause, sind ganz da und im HIER und JETZT. Da gibt es kein Gefühl von Trennung. Man könnte diese Phase auch als Symbiose mit sich selbst bezeichnen. Unsere Seele bewohnt ganz unseren Körper. Dieses sichere SEIN ist also in uns angelegt und eigentlich ein normaler Zustand. Die Wenigsten erleben dies allerdings und sind im späteren Leben immer wieder auf der Suche nach Verschmelzung und Vereinigung, im Grunde mit sich selbst. Wenn wir uns jedoch nicht willkommen und sicher gefühlt haben, dann beginnen bereits schon sehr früh (im Bauch der Mutter) Überlebensstrategien. Die meisten Menschen haben niemals die Erfahrung von Sicherheit gemacht, fühlen sich wurzellos und ohne festen Boden unter den Füßen. Das bedeutet auch, dass die Seele nicht wirklich den Körper bewohnt und sich eher außerhalb des Körpers befindet. Je nachdem, welche Erfahrungen wir gemacht haben, wirkt sich das auf unsere Mittelohrmuskulatur aus. Wir beginnen bereits zu hören, wenn unser Herz anfängt zu schlagen.

Es gibt 2 ganz entscheidende und wichtige Muskeln in unserem Mittelohr. Das sind der Muskulus Stapedius und der Muskulus tensor Tympani.

 

 

 

 

Bild: © Springer-Verlag GmbH Deutschland

Der Muskulus Stapedius reagiert auf frühe Überlebensstrategien häufig mit Erschlaffung. Er sorgt jedoch dafür, dass das Trommelfall gespannt wird, damit wir Klänge, insbesondere Stimmen gut herausfiltern können. Er ist für die Frequenz zuständig. Da wir nicht richtig filtern können, kommt es zu einer Überflutung von Geräuschen. Manche sprechen auch von hochsensiblen Menschen. Das bedeutet Lärm für unser System und andauernder Stress.

Der Muskulus tensor Tympani ist für die Schallweiterleitung zum Innenohr zuständig. Seine genaue Funktion ist umstritten. Es wird angenommen, dass der M. tensor Tympani eine verstärkte Spannung des Trommelfells bewirkt und damit eine gesteigerte Reflektion des Schalls. Somit werden Töne gedämpft und das Ohr vor zu intensiven Schallreizen geschützt. Das bedeutet, dass er für die Lautstärke zuständig ist.

Das wirklich Spannende ist, dass es zu diesen beiden wichtigen Mittelohrmuskeln eine Entsprechung in der Kehlkopfmuskulatur gibt.

Für den  M. Stapedius gibt es die Entsprechung des außenliegenden Muskelsystems des Kehlkopfes, welches Cricothyroid- oder Ring-Schildknorpel-Muskelsystem genannt wird und für die Tonhöhe (Frequenz) zuständig ist. Hier geht es um die Anspannung der Stimmlippen, wie es eben auch beim Mittelohr um die Spannung des Trommelfelles geht. Über das Cricothyroid-Muskelsystem bilden wir das Falsett aus.

Für den M. Tympani gibt es die Entsprechung für das innenliegende Muskelsystem des Kehlkopfes, welches man Arytaenoid-Muskelsystem (Stellknorpel-Muskelsystem) nennt und ebenfalls für die Lautstärke zuständig ist. Das Arytaenoid-Muskelsystem ist mit der Bruststimme verbunden.

Um beide Muskelsysteme zu trainieren und auszubalancieren, muss man die Brustimme getrennt vom Falsett ausbilden und später wieder zusammenführen.

Jetzt sind wir bereits mitten in der 2. Phase – der Bedürfnisphase
Die Bedürfnisphase widmet sich dem Individuum. Es geht hier um das Wahrnehmen, dass ich ein Individuum bin und auch so behandelt werde. Wenn es bereits Überlebensstrategien in der Existenzphase gibt, ist es kaum möglich in die Bedürfnisphase zu switchen. Das bedeutet, die Entwicklung oder Entfaltung des Individuums ist nicht möglich. Genau in diesem Switch bindet sich die Haut an das Nervensystem. Es geht hier also um Hautgrenzen. Wer bin ICH und wer bist DU. Dies geschieht im 1. Monat bis wir 1,5 Jahre alt sind. Werden unsere Bedürfnisse nicht adäquat befriedigt, können wir uns selbst nicht als Individuum wahrnehmen oder werden als solches behandelt, bildet sich das ICH nicht aus. In der Spiritualität sagt man gerne EGO dazu, aber dieses Ego beinhaltet das MenschSEIN. Es beinhaltet das was wir FÜHLEN, DENKEN,… unser Potential, unsere mitgebrachten Fähigkeiten, unsere Visionen,… und in ihm finden wir unseren göttlichen Funken. Diese Phase ordne ich der Stimme zu. Es geht hier sehr stark um den Selbstausdruck, der mich auch von den anderen unterscheidet. Hier entsteht Kultur, Vielfalt, Kreativität, Schöpferkraft,… Diese Phase wirkt sich sehr stark auf die Muskulatur der Stimmfunktion aus. Es geht hier um Wahrheit, um Authentizität. Eine authentische Stimme ist erst möglich, wenn alle Muskeln ausbalanciert sind und wieder in Beziehung zu einander stehen.

Unser Leben ist auf Selbstregulation ausgelegt
Die Selbstregulation hat etwas mit Resonanz zu tun, einem lebendigen Organsimus, einem Kreis. Wir können uns in den ersten 2 Jahren nicht selbst regulieren und tun das über unsere Mutter oder Bezugsperson.

Unterbrochene Resonanz / Verbindung
Wenn wir bereits in der Existenzphase Überlebensstrategien entwickelt haben, kommt es zu einer Verbindungsunterbrechung zu unserer Seele, auch zu unserem Körper.  Wenn sich unsere Seele nicht von unserem Körper willkommen fühlt, hält sie sich dort nicht auf. Parallel kommt es zur Unterbrechung unseres Ohres, unseres Hörens, denn das Gehör ist für den Kontakt zu uns selbst zuständig. Hier geschieht dann auch die Unterbrechung der Resonanz zwischen Ohr und Stimme, so dass wir uns nicht nur nicht mehr richtig hören können (innere Stimme), sondern auch keinen Zugang zu unserer Stimme bekommen und beispielsweise das Gefühl haben, gegen gläserne Mauern zu singen.

Unsere Kultur ist allerdings überhaupt nicht darauf ausgerichtet, Individuen auszubilden oder zu stärken. Selbst in der Gesangspädagogik geht es nicht darum, dass eine Stimme ihren ganz eigenen individuellen Klang erleben kann.

Für mich liegen in diesen beiden ersten Phasen nicht nur der verlorene Ausdruck, die verlorene Anbindung an die Stimme, das Gehör und ICH, sondern hier entstehen bereits Krankheiten, insbesondere chronische Krankheiten, die sich häufig erst Jahre später im Leben zeigen.

Selbst die Spiritualität übergeht sehr gerne das ICH und damit das MenschSEIN.

Aufgrund der unterbrochenen Verbindung in den ersten beiden Lebensphasen, vergessen wir, wer wir wirklich sind und unsere meist spirituelle Suche beginnt. Das ist kein Zufall, denn es zeigt sich mir, dass es zu unserer Lebensaufgabe gehört, zu vergessen, damit wir uns auf den Heimweg begeben und uns erinnern, wer wir wirklich sind. 

Zurück zu unserem Ursprung
Die Reise geht also zurück zu unserem Ursprung bis zur ersten Phase, der Existenzphase, in der unser Leben begann. Dort kommen wir hin, wenn wir unser ICH ausbilden, unser Individuum entfalten und lernen JA zu uns selbst zu sagen, letztendlich uns Selbst willkommen zu heissen. Wenn uns das gelingt, sind wir schon auf dem Weg zu unserem göttlichen Kern, wir fühlen uns sicher und geborgen und in unserem Körper zu Hause.

Wie können wir das TUN?
Meine Erfahrung ist, dass es nur über den Körper möglich ist und die Muskulatur eingebunden werden muss. Wenn die Mittelohrmuskulatur und die Stimm-Muskulatur im gleichen Tonus sind, wird unser autonomes Nervensystem komplett reguliert.

Unter Einbindung des Innenohrs, insbesondere dem Vestibularorgan (Gleichgewichtsorgan), welches mit jedem Muskel im Körper verbunden ist, entwickele ich gerade eine Stimmarbeit, in der die Stimm-Muskulatur, die Mittelohrmuskulatur und das Innenohr ausbalanciert werden. Über das veränderte Hören werden die Muskeln in die Balance gebracht und es findet eine Rückkoppelung zwischen Ohr (Selbst) und Stimme (Ausdruck), aber auch zwischen Körper und Seele und allen Organen statt, denn der Kehlkopf ist mit allen Organen und Funktionen im Körper verbunden.

Freiheit
Damit befreien wir nicht nur unsere Stimme, sondern auch unser SELBST, verlernen Kompensationsmuster und regulieren unser autonomes Nervensystem. Letztendlich schaffen wir durch ein ausbalanciertes Muskelsystem die Voraussetzung für eine optimale Stimmfunktion. Unsere Stimme enthält nur Frequenzen, die wir hören können. Daher ist das HÖREN ein zentraler Aspekt in der Stimmbildung bzw. Stimmentfaltung, denn durch die Rückkoppelungen mit dem Ohr (Gehör) verändert sich der Stimmklang und wird frei.

Dieser Ansatz vereint Kunst, Spiritualität und Heilung
Immer noch trennen wir die Kunst von der Spiritualität, aber auch von der Heilung. Die ursprüngliche Aufgabe der Künste war es schon immer, den göttlichen Funken zum Ausdruck zu bringen. Für die Sänger geschieht das über ihre Stimme und der göttliche Funken ist eben genau in dieser ersten Phase – der Existenzphase –  zu finden, dort wo unser Leben begann. Es ist also eine Rückreise, ein nach Hause weg, eine Reise zu unserem Ursprung.  

Dieser Ansatz vereint nicht nur Kunst, Spiritualität und Heilung und erinnert an den Ursprung der Künste, die die älteste Heilkunst ist, sondern, verbindet auch Körper, Geist und Seele. Er erinnert an unsere wahre Natur und  lässt uns nach Hause kommen. Das ist auch für Menschen möglich, die in ihrem Leben noch nie ein reguliertes Nervensystem oder keine Sicherheit in ihrem Leben erfahren haben. 

Das Ohr ist in Verbindung mit unserer Stimme ein unschlagbarer Regulator und Befreier unseres wahren Selbstes.

Urheberrechte:
© Text: Iris Hammermeister
© Bild Header: Pixabay
© Bild Musculus Stapedius: Springer-Verlag GmbH Deutschland