Die Polyvagaltheorie

Stephen W. Porges, Ph.D. ist ein Universitätswissenschaftler mit Auszeichnungen, an der Indiana University. Dort hat er das Traumatic Stress Research Consortium gegründet und leitet dieses. Er ist Professor für Psychiatrie an der University of North Carolina und emeritierter Professor an der University of Illinois in Chicago und der University of Maryland.

1994 veröffentlichte er die Polyvagaltheorie, eine Theorie, die die Entwicklung des autonomen Nervensystems von Säugetieren mit sozialem Verhalten verbindet und die Bedeutung des physiologischen Zustands für den Ausdruck von Verhaltensproblemen und psychiatrischen Störungen aufzeigt. 

Er ist der Erschaffer einer musikbasierten Intervention, des Safe and Sound Protocol ™, das derzeit von mehr als 1400 Therapeuten eingesetzt wird, um das spontane soziale Engagement zu verbessern, die Hörempfindlichkeit zu verringern, die Sprachverarbeitung und die Selbstregulierung zu verbessern.

Er gründete das Polyvagal Institute. Das Polyvagal Institute ist eine gemeinnützige Organisation, die sich der Schaffung eines neuen Paradigmas für Gesundheit und Wohlbefinden widmet.

Die Polyvagaltheorie ist die Basis meiner Stimmarbeit. Bereits vor vielen Jahren widmete ich mich der Frage, wie unsere ersten Bindungs- und Kontakterfahrungen auf unsere Stimme wirken. Dazu ging ich der Frage nach, welche Auswirkungen der 2. Weltkrieg auf die nachfolgenden Generationen haben, insbesondere auf die Kunst, Sprache und Gesang. Wie wird unsere Sprache geprägt und wo erhalten wir unsere erste Gesangsausbildung?

Je tiefer ich in die Polyvagaltheorie eintauchte, desto mehr entdeckte ich eine symbiotische Verbindung zwischen dem autonomen Nervensystem und der Stimme. Ich fand hier Erklärungen, wenn Sänger erzählten, dass sie keinen Zugang zu ihrer Stimme bekommen und das Gefühl haben, gegen gläserne Mauern zu singen. Gleichzeitig entdeckte ich, dass die Stimme selbst das Potential in sich trägt, uns zurück zu verbinden oder zu regulieren, denn der wichtige neu entdeckte ventrale Vagusnerv, versorgt den kompletten Stimmapparat. 

Ich fragte mich, warum haben Sänger dennoch ein dysreguliertes Nervensystem und keinen Zugang zu ihrer Stimme und ihrem Potential, obwohl durch das Singen der ventrale Vagus aktiviert wird und somit das autonome Nervensystem regulieren müsste. Ich fand Antworten nicht nur in der Bedeutung des Hörens bzw. des Mittelohres und Innenohres, sondern in der Muskulatur und den Muskelsystemen. Das brachte mich zu Lisbeth Marcher, die die Bodynamic entwickelt hat. Die Basis ihrer Forschung war die Arbeit von Wilhelm Reich, die sie weiterentwickelte und spezifizierte. Reich entdeckte eine Verpanzerung, Lisbeth Marcher fand diese Verpanzerung in der Muskulatur und im Fasziengewebe. Sie fand heraus, dass unsere ersten Bindungs- und Kontakterfahrungen eine große Auswirkung auf unsere Muskulatur haben. Sie untersuchte 126 Muskeln, ordnete sie in Muskelsysteme ein. Dabei stellte sie fest, dass die Muskeln entweder hyperton (zuviel Anspannung) oder hypoton (zu wenig Anspannung) auf die gemachten Erfahrungen reagieren. Sie lehrt das Muskel-Lesen und ordnet Muskelsystemen verschiedenen Lebensphasen zu. Dabei geht es um 7 Lebensphasen, die bis zum 14. Lebensjahr dauern. 

Für meine Forschung zeigte sich insbesondere eine große Bedeutung der ersten beiden Lebensphasen, die einen elementaren Einfluss auf unser Gehör und unsere Stimme haben. Man kann diese Lebensphasen als Basisphasen betrachten, die einen sehr starken Einfluss auf unser Leben haben. Daraus folgte, dass das Gehör bzw. die Muskulatur des Mittelohres eine wichtige Funktion haben, wenn es darum geht Kontakt zu sich selbst zu bekommen. Sie sind die Feedbackschleife zu unserem ICH / Selbst. Die Bodynamic sagt dazu auch Ego, welches in der Spiritualität gerne verbannt wird, für unsere gesunde Entwicklung jedoch unerlässlich ist. Hier kommen wir schon zum Kernproblem unserer Gesellschaft bzw. autonomen Nervensystems. Wenn wir bereits in unserer ersten Lebensphase, die Bodynamic sagt dazu, Existenzphase, uns nicht sicher und willkommen gefühlt haben, dann beginnen schon sehr früh in unserem Leben Überlebensstrategien. Die Existenzphase beginnt im 2. Trimester der Schwangerschaft und dauert bis zum 3. Monat. Das bedeutet, dass viele Menschen noch nie Sicherheit in ihrem Leben erfahren haben und das ist ein zentrales Gefühl für die Regulierung des autonomen Nervensystems. Dabei spielt die Stimme der Mutter eine zentrale Rolle. Das bedeutet zudem, dass viele Menschen noch nie ein reguliertes Nervensystem erfahren haben und da sie diesen Zustand gar nicht anders kennen, ist es ein normaler Zustand, der wenig Beachtung findet, weil man gar nicht weiss, wie es ist, ein reguliertes Nervensystem zu haben. 

Auftrittsängste, nicht richtig Hören können, Versagensängste, blockierte Stimme, Heiserkeit, wenig Flexibilität des Kehlkopfes,… sind alles Auswirkungen eines dysregulierten Nervensystems auf die Muskulatur (Kehlkopfmuskulatur), die Seele und den Geist. Gerade in der Existenzphase fühlen wir uns (wenn alles gut lief) mit uns verbunden, nehmen unseren Körper als Zuhause war. Es ist das AllEinsSEIN, das sichere SEIN, was diese Phase prägt und wonach wir uns ein Leben lang sehnen. In dieser Phase bildet sich insbesondere das Mittelohr aus und wenn wir eben nicht die Erfahrung von Sicherheit und Willkommensein gemacht haben, dann wirkt sich das dementsprechend auf unsere Mittelohrmuskulatur aus. Das hat nicht nur Einfluss auf unser HÖREN, sondern auch auf den Kontakt zu uns selbst. Dieser wird dann unterbrochen. Die Existenzphase ordne ich daher dem Mittelohr, dem HÖREN zu.

Die zweite wichtige Phase ist die Bedürfnisphase. Sie beginnt vom 1. Monat bis wir 1,5 Jahre alt sind. Hier geht es um das Individuum, um das ICH und DU, um Grenzen und um die Haut, denn hier bilden sich normalerweise Hautgrenzen. Die Haut bindet sich an das Nervensystem. Sie ist ebenfalls ein wichtiges Hörorgan. In dieser Phase geht es um die Befriedigung meiner Bedürfnisse, um den Kontakt zu unserer Mutter oder Bezugsperson. Das ist die Phase der Stimme, des Selbstausdruckes. Diese Phase hat einen starken Einfluss auf unsere Kehlkopfmuskulatur. Diese Phase gehört zum MenschSEIN. Alle unsere Gefühle, Gedanken, Visionen, Potentiale, eben unser ICH, sind hier beheimatet. Unsere Kultur verhindert die Ausbildung oder Entfaltung des ICH`s. Das ist auch in der Gesangspädagogik der Fall, denn es wird weniger auf den individuellen und authentischen Stimmklang geachtet, als vielmehr auf die Anpassung eines gängigen Schönheitsideals. Hier beginnt die Anpassung an unser Umfeld und deren Erwartungen. Man könnte auch sagen, die Fremdbestimmung oder das Wegdrücken des eigenes Selbstes oder Selbstausdrucks. Damit verlieren wir den Zugang zu unserer Stimme. Damit trennen sich auch Ohr (Gehör) und Stimme und die Resonanz zu uns selbst wird unterbrochen.

Die Rückkoppelung zwischen Mittelohr und Kehlkopfmuskulatur reguliert unser komplettes autonomes Nervensystem. Mittels verändertes Hören können wir die Muskulatur des Kehlkopfes ausbalancieren. Cornelius Reid hat mit seiner außergewöhnlichen Gesangspädagogik schon sehr nahe an einer Regulation des autonomen Nervensystems gearbeitet, ohne dass er das wahrscheinlich bewusst tat. Er hat jedoch die beiden Muskelsysteme des Kehlkopfes in die Ausbalancierung gebracht, als auch die Rachenmuskulatur. Für ihn war das funktionale HÖREN etwas Zentrales. Er sagte, dass eine authentische Stimme erst dann möglich ist, wenn die Muskelsysteme ausbalanciert sind und wieder miteinander kooperieren. Alles andere spiegeln Konditionierungen und Kompensationsmuster, die sich in der Muskulatur zeigen. Für ihn war auch die individuelle Stimme und die Eigenermächtigung, also die Kontrolle über ein willkürliches System von Bedeutung. Das erreicht man mit dem Training der Muskulatur. Seine wichtigen Erkenntnisse und außergewöhnliche Gesangspädagogik wird von seiner Frau Donna Reid weitergetragen, denn er verstarb 2008. Sie ist international als Gesangspädagogin tätig und ich freue mich sehr, dass wir im Austausch sind und gemeinsam voneinander lernen und forschen.

Das bedeutet, dass wir über die Ausbalancierung der Kehlkopfmuskulatur, der Mittelohrmuskulatur unter Einbindung des Innenohr nicht nur unser autonomes Nervensystem regulieren können, sondern die komplette Muskulatur mit dem Fasziengewebe des ganzen Körper ausbalancieren. Das bedeutet das Loslassen alter Konditionierungen und Überlebensstrategien, als auch die Befreiuung der Stimme und unseres wahren Selbstes. Dazu müssen die Bruststimme und das Falsett getrennt voneinander ausgebildet werden. 

Das automome Nervensystem
An diesem Schaubild kann man ganz gut erkennen, dass es 3 Stränge des Nervensystrems gibt. Bis zur Entdeckung von Stephen Porges  Polyvagaltheorie ist man von lediglich 2 Strängen ausgegangen. Vom Vagusnerv, der zum parasympathischen System gehört und der Entspannung zugeordnet wird, als auch vom Sympathischen Nerv, der für die Anspannung sorgt. Die sensationelle Entdeckung eines weiteren Stranges des Parasymathikus, war eine evolutionäre Weiterentwicklung des autonomen Nervensystem. Der ventrale Vagusnerv ist der Nerv der Sicherheit, der Kommunikation, Beziehung, Empathie, also alles was mit Kontakt und Bindung zu tun hat. Wenn wir also keine Sicherheit in unserem Leben erfahren haben, ist der ventrale Vagus nicht aktiv und verliert auch seine schützende Myelinschicht. Was nicht gebraucht wird, baut sich ab. Diese Schicht ist jedoch wichtig für das Gefühl von Sicherheit und für die Informationsweitergabe. Wichtig zu wissen ist, dass 80% der Geschehnisse im Körper über den Vagusnerv an das Gehirn weitergeleitet werden und nur 20% des Gehirns an Informationen den Körper erreichen. 

Wenn die Myelinschicht fehlt, können diese Informationen nicht mehr ausreichend übermittelt werden. Es zeigt aber auch, welche Bedeutung unser Körper hat und dass mentale Konzepte nicht ausreichen. Deshalb ist die Arbeit an der Muskulatur auch so wichtig, um weitreichende und anhaltende Veränderungen erreichen zu können. Sobald wir also mit der Muskulatur des Mittelohres und des Kehlkopfes arbeiten, aktivieren und energetisieren wir den ventralen Vagusnerv und die Myelinschicht beginnt zu wachsen. Davon brauchen wir nur 33%, damit unser Nervensystem sich so regulieren kann, dass wir spürbar und dauerhaft eine Veränderung bemerken. 

Der Zustand unseres autonomen Nervensystems spiegelt sich in unserer Muskulatur. Wenn der dorsale Vagusnerv überwiegend aktiv ist und wir uns in einem Totstellreflexmodus (Erstarrung) befinden, wirkt sich das auf die Muskulatur erschlaffend aus. Wenn der Sympathikus eher aktiv ist, sind wir verstärkt im Kampf-, und Fluchtmodus und haben eine zu angespannte, zu feste Muskulatur. Der ventrale Vagusnerv kann über seine Aktivierung diese Extreme ausbalancieren. Er ist wie eine Stimmgabel, die uns wieder in unsere ursprüngliche Frequenz zurück stimmt. 

Die zwei wichtigen Muskeln im Mittelohr
Es gibt zwei ganz entscheidende Muskeln für das Mittelohr, die einen starken Einfluss darauf haben, wie wir uns hören können und ob wir Stimmen hören und herausfiltern können. Je nachdem wie unsere Existenzphase verlaufen ist, sind diese Muskeln entweder zu schlaff oder zu angespannt. In der Regel ist der Muskulus Stapedius zu schlaff und kann daher das Trommelfell nicht richtig spannen. Er ist für die Frequenz zuständig. 

Beim Muskulus tenor Tympani geht es um die Schallweiterleitung an das Innenohr. Er ist also für die Lautstärke zuständig. Beide Muskeln werden vom ventralen Vagusnerv versorgt. 

Das Safe and Sound Protocol, welches von Stephen Porges entwickelt wurde, bringt den Muskulus Stapedius wieder dazu zu kontrahieren und das Trommelfell wieder in die richtige Spannung zu bringen. Das hat nicht nur Auswirkungen auf das HÖREN, sondern auch auf das autonome Nervensystem. 

Bildquelle: https://link.springer.com/

Das cricothyroid- und arytaenoid Muskelsystem 
Zu den beiden wichtigen Muskeln des Mittelohrs gibt es eine Entsprechung in der Kehlkopfmuskulatur. 

Das bedeutet, dass der Muskulus Stapedius, der für die Frequenz zuständig ist, dem Cricothyroid oder Ring-Schildkborpel-Muskelsystem zugehört. Das Cricothyroid Muskelsystem (außenliegendes Muskelsystem) ist für die Tonhöhe zuständig. Damit bilden wir das Falsett aus. 

Der Muskulus tensor tympani ist für die Lautstärke zuständig und gehört zum Arytaenoid Muskelsystem, welches ebenfalls für die Lautstärke zuständig ist. Mit dem Arytaenoid Muskelsystem (innenliegendem Muskelsystem) arbeiten wir an der Bruststimme. 

Es gäbe noch viel zu sagen, auch was die verschiedenen Gehirnareale anbelangt und was Neurozeption bedeutet. 

Wer sich für diese spannenden Themen und Forschungen interessiert, empfehle ich meine Stimmtrainingsprogramm, Tagesworkshops zur Polyvagaltheorie und auch die Fortbildung. Es ist eine ganz andere Herangehensweise an das Thema Stimmbildung und entspricht einem neuen Paradigma. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz, der viele Disziplinen zusammenführt und die Kunst wieder zu dem macht, was sie schon immer war. Menschsein, als auch dieser göttlicher Funke sein, in dem sich die Schönheit und Kreativität dieser unglaublichen Schöpfung widerspiegelt.

Dieses Geheimnis dieser Schöpfung, sind wir selbst. Unser Körper ist verkörperte Schöpfung, ein Wunderwerk. Ich glaube, dass in der Rückkoppelung zwischen Ohr und Stimme nicht nur unsere Stimme befreit wird, sondern wir uns wieder erinnern, wer wir wirklich sind. Göttliche, wunderbare Wesen, die einen Körper bewohnen. 

Die ursprüngliche Aufgabe der Künste war es schon immer, den göttlichen Funken zum Ausdruck zu bringen.